Marûns Reise

Marûns Reise

Der Zwerg mit dem orangeroten Haar und Bart stöhnte unter der Hitze der beiden Sonnen, die unbarmherzig auf die Felder von Dernstone schienen. Seit nunmehr fünfundzwanzig Jahren verrichtete er seinen Frondienst in ihrem Schein und schwitzte sich die Seele aus dem Leib, während er das tat, was der Großbauer ihm auftrug, in dessen Diensten er stand. Wie so oft schon sprangen ihm die Lippen durch die Trockenheit auf, sobald er länger als drei Stunden ohne ein Fleckchen Schatten dort schuftete.
‚Ein Zwerg ist eben nicht dafür geschaffen, so weit weg vom Stein zu sein‘, lachte er innerlich bitter auf, während der junge Zwerg ein Loch in den Boden grub, auf die Knie ging und einen kleinen, hellgelben Setzling hinein schob.
Es staubte gewaltig, als er mit beiden Händen die dunkelgraue Erde wieder zusammenschob, um das kleine Pflänzchen zu schützen.
„Vater sei Dank!“, schnaubte er höhnisch.
Während Marûn nun etwas kostbares Nass über die blauen Blätter laufen ließ, die an dem Stämmchen wuchsen, überlegte er wieder einmal, wie es dazu hatte kommen können, dass er vom Stellvertretender des stellvertretenden Minenvorsteher zum Fronarbeiter auf menschlichen Feldern wurde.
»Sechsundzwanzig Jahre zuvor war dem jungen Zwerg noch eine glänzende Karriere sicher. Doch dann wurde er plötzlich von den Vákazâd, den Wachzwergen, vor den Augen seines guten Freundes, der ihm gerade einige kostbare Edelsteine zeigte, und einem Trupp von Minenarbeitern, die auf ihren neuen Auftrag warteten, abgeführt und vor den König zitiert.
Noch wusste er nicht, was dieser mit einem einfachen Zwerg zu schaffen hatte, doch als er seinen Vater vor dem Thron knien sah, stöhnte der junge Mann verzweifelt auf.
„Du hast es gewagt, meinen Sohn anzugreifen!“, donnerte König Daròs gerade los.
„Aber … Aber … ich …“, stotterte Marûns Vater gerade mit vom Alkohol schwerer Zunge los.
„Schweig!“, brüllte Daròs so gebieterisch, dass es von den Wänden widerhallte.
„Mein Sohn hat mir berichtet, was geschah. Du hattest kein Recht, ihm den Humpen Bier unter der Nase wegzuziehen! Doch war es nicht genug, dass du das Bier gesoffen hast. Als du dafür bezahlen solltest, wolltest du fliehen und hast es gewagt, meinen Sohn, deinen zukünftigen Herrscher, von dir zu stoßen und eine Prügelei anzuzetteln, in der er schwer verwundet wurde. Dieser Frevel muss bestraft werden!“
Ungläubig betrachtete Marûn das aufgedunsene Gesicht seines Vaters, als er nun neben ihm ebenfalls auf die Knie gezwungen wurde. Der Säufer sah schuldbewusst auf den Marmor und nahm hin, was Daròs verkündete. Marûn aber hörte mit weit aufgerissenen Augen zu.
„Morkár, du und deine gesamte Familie werden aus unserer Gemeinschaft verbannt!“
„Was?“, keuchte der Rothaarige entsetzt.
„Bitte, mein König, ihr könnt nicht …“, wollte er verzweifelt aufbegehren und war auf den Beinen.
Doch eine herrische Geste ließ ihn verstummen und von den Vákazâd wieder zu Boden drücken. Marún sah es mit Bestürzung und war nicht in der Lage, selbst etwas zu seiner Verteidigung und der seiner Familie beizutragen.
„Ich kann sehr wohl und ich werde!“
Noch innerhalb eines halben Tages wurde die Familie gezwungen, ihr Hab und Gut an den König zu überschreiben und wurde aus dem Berg gejagt, mit nichts außer dem, was sie am Leibe trugen.
‚Was hat Mutter geweint, als wir gingen. Ihre Zwillinge, meine Schwestern, waren noch so klein, Merên noch ein winziger Säugling. Wir hätten ihn fast nicht durchgebracht. Er schrie so vor Hunger, dass es uns allen das Herz zusammenzog. Nur Vater war stur und ließ sich nicht erweichen. Wochenlang suchten wir nach einer neuen Bleibe, doch kein Zwerg wollte und helfen. Einzig die Menschen nahmen und auf, dank unserer Stärke. Erst war ich ein besseres Muli, dann nahm mich der Bauer auf. Nun bin ich ein Zugpferd und Pflug in einem.’«
„Hey, Marûn!“, riss ihn plötzlich eine menschliche Stimme aus den trüben Erinnerungen.
„Ja, Filippo. Was ist?“
Winkend rannte ein junger, gebräunter Mann mit schwarzem Haar auf ihn zu. Er war der einzige Lichtblick in diesen Tagen. Zwar ging es ihnen etwas besser, seit sein Vater vor zwei Jahren zu seinem Schöpfer gerufen wurde, doch sie kamen nach wie vor kaum über die Runden. Die Zwillinge Kyrá und Korá halfen, wo es ging. Doch mehr, als ein paar Stoffarbeiten, konnten sie nicht verrichten. Zu oft mussten sich die Schwestern um ihre Mutter und den kleinen Bruder kümmern, der noch lang nicht soweit war, als erwachsen zu gelten.
Keuchend und um Luft ringend blieb Filippo vor dem Zwerg stehen und stütze die Hände auf den Oberarmen ab. Er war scheinbar den ganzen, langen Weg vom Haupthaus des Hofes, in dem er als Küchenjunge aushalf, bis zu diesem Feld gerannt. Beruhigend legte Marûn nun eine seiner Pranken auf den schmalen Rücken und streichelte darüber. Zwar wollte er dringend wissen, was den jungen Menschen dazu bewog, in der Mittagshitze nach ihm zu suchen, doch wenn er zusammenbrach, dann war niemandem geholfen. Also nahm er den Wasserschlauch, der neben ihm lag, entkorkte ihn und reichte ihn an Filippo weiter. Dieser nahm einen gierigen Schluck der lilanen Flüssigkeit und bedankte sich, als er das Wasser an Marûn zurück reichte.
„Schon gut“, winkte der Kleinere ab.
„Nun sprich! Was treibt dich zu mir? Hast du mich etwa vermisst?“
Marûn hob seine Augenbrauen und lächelte schief, als er sah, wie Filippo leicht errötete.
„Wenn es doch nur so einfach wäre“, führte der Mensch ihr Geplänkel weiter und legte seine Hand auf Marûns Schulter.
„Doch ich fürchte, ich habe schlechte Kunde, meloén.“
Sofort gefroren Marûn die Gesichtszüge und er versteifte sich.
„Wie meinst du das?“, fragte er leise nach.
„Deine Geschwister … sie sind auf den Hof gekommen.“
Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, rannte Marûn, so schnell ihn seine Beine tragen konnten, den Weg, den Filippo erst vor wenigen Minuten bestritten hatte.

***

Schlitternd und außer Atem, war der Weg für die Zwergenbeine doch beinah doppelt so lang, kam Marûn endlich auf dem Hof an und sah sich nach drei ebenso orangeroten Köpfen um, wie seiner es war.
‚Wo sind sie?‘, fragte er sich panisch, als er keines seiner Geschwister ausmachen konnte.
„Was ist mit Mama?“, hörte er endlich Merén leise fragen.
„Wieso ist sie nicht aufgestanden?“
„Das ist … das ist … weil sie … Ich kann das nicht, Korá. Erklär‘ du es!“, schniefte es aus dem Schatten des Pferdestalles heraus.
Vorsichtig trat Marûn zu den drei Zwergen und sah, wie sie sich gegenseitig festhielten und seine Schwestern versuchten, sich Trost zu spenden.
„Was ist geschehen?“, fragte er nun.
„Es … es gab einen Unfall. Das Haus, an dem sie ihren Stand hatte, das ist zusammengestürzt und Mama … sie … sie …“
Auch Kyrá brach ihre Erklärung ab, doch Marûn verstand seine Schwester auch ohne weitere Worte. Das Entsetzten über den Verlust ihrer Mutter wurde nur noch dadurch vergrößert, dass ihm mit einem Schlag bewusst wurde, dass er nun für das Wohl der Drei allein verantwortlich war.
Mehr noch. Marûn war nun auch als Einziger in der Lage, genügend Silberlinge zu verdienen, um die Schulden zu begleichen, die sein Vater in all den Jahren unter den Menschen in ihrer Taverne angehäuft hatte. Aber wäre es ihm überhaupt möglich?
In den zwei Jahren, seit Morkár starb, hatten sich alle zusammen so viel Geld vom Mund abgespart, wie es nur irgend ging. Doch es hatte nicht einmal gereicht, um die Zinsen zu tilgen. Der junge Zwerg war in Lage, sich auszumalen, was nun geschehen mochte. Er hatte es selbst schon ein oder zwei mal bei anderen Familien gesehen, die im Armenviertel der Stadt hausten.
Sobald kein Geld mehr kam, traten die Schläger auf den Plan. Sie nahmen alles, das nicht niet- und nagelfest war und dann auch noch die Kinder, um sie als Sklaven für die hohen Herren zu verkaufen.
„Wir müssen hier weg! Noch heute Nacht!“, entschied Marûn leise flüsternd.
„Was?“, stieß Merén entsetzt aus.
„Wir können nicht gehen! Mama …“
„Sie lebt nicht mehr, mein Kleiner“, unterbrach ihn Kyrá und strich durch den beginnenden Backenbart.
„Ich weiß, Kyrá!“, fauchte der Zwergling zurück.
„Aber wir müssen trauern! Zehn Tage lange müssen wir ihrer gedenken, so wie wir es bei Vater taten.“
Marûn setzte sich zu seinem Bruder in das rötliche Stroh und legte ihm eine seiner Pranken auf die Schulter.
„Versteh‘ doch, wenn wir nicht gehen, dann sind wir alle in großer Gefahr. Willst du, dass man dich wegfängt und verkauft? Willst du, dass man unsere Schwestern dazu zwingt, in einem Freudenhaus zu arbeiten?“
Alls drei keuchten entsetzt auf. Doch Korá fing sich zuerst wieder.
„Musst du ihm so etwas einreden? Außerdem, welcher Menschenmann würde uns schon wollen, so behaart, wie wir sind?“
„Wer sagt, dass man euch nicht rasieren würde?“, gab Marûn schulterzuckend von sich.
„Und ich denke, dass dem ‚Kleinen‘ nicht geholfen ist, wenn ihr ihn weiter wie ein Kind behandelt. Merén wird in drei Jahren volljährig und ihr verhätschelt ihn!“
Über seinen Ausbruch verwundert und erschüttert, schwiegen sie alle einige Momente.
„Wohin sollen wir denn? Wer würde uns schon wollen?“, fragte der Jüngste schließlich.
Marûn überlegte eine Weile, bis er seine Geschwister näher zog und ihnen erklärte, welche Lösung für ihn als die Beste erschien.
„Wir haben nur eine Möglichkeit. Die Zwerge haben uns verbannt, bei den Menschen können wir nicht bleiben. Doch da gibt es ein Volk, zu dem wir gehen können. Sie betrieben viele Jahre Handel mit uns und stehen uns vielleicht noch immer wohlwollend gegenüber. Wir müssen weit in den Süden, doch wenn uns das Glück ein wenig hold ist, dann werden wir den Weg zum Feenvolk finden.“
„Feen? Was sollen wir bei kleinen Schwebedingern?“, fragte Merén dazwischen.
„Keine Elfen, Kleiner“, unterbrach Korá, „sondern Feen. Große, menschenähnliche Wesen mit heller Haut und großen Flügeln.“
„Dann ist es beschlossen!“, stellte Marûn fest.
„Packt zusammen, was ihr könnt. Ich kümmere mich darum, dass unsere Mutter … angemessen in den Stein geht. Sobald es dunkel wird, gehen wir!“