Neujahrsschnee

01.01. 08:00 Uhr

Aufstehen am Neujahrstag mit Kater – sehr geil! Vor allem um diese Uhrzeit! Ich könnte kotzen, kann aber meinen Mageninhalt gerade noch bei mir behalten. Der Blick aus dem Fenster verrät mir, dass ich mich sputen und ranhalten muss, wenn ich nicht will, dass die Schreckschraube von Nachbarin wieder ausfällig wird. Wäre ja auch zu schön, einfach mal pennen zu können. Hätte gern mein Handy aus dem Fenster geworfen, als es mich vor einer Viertelstunde geweckt hat.
Wer auch immer von meinen Kumpels das war, der mir den Piepton eingestellt hat, der kann was erleben. Man, echt ‘ne Mörderzeit … vor allem am Neujahrsmorgen. Bloß gut, dass wir nicht hier gefeiert haben. Ich kann mich eh kaum noch erinnern, wie ich ins Haus oder gar ins Bett gekommen bin. Boah, mein Kopf schmerzt höllisch, als ich mich bücke um den ersten Stiefel anzuziehen.
‘Ja, mein Sohn, da hättest du nicht so viel trinken dürfen‘, höre ich Paps schon im Geiste. Bin echt froh, dass der mit meiner Stiefmutter nicht da ist. Kurzurlaub über die Feiertage. Bis zum Anfang der neuen Vorlesungen habe ich Sturmfrei … und muss das Haus hüten. Ich könnte schon wieder kotzen! Wie kann man das seinem Kind nur antun? Ich wollte im Studentenwohnheim bleiben, feiern und saufen … vielleicht endlich mal einen netten Typen kennenlernen … und endlich mal geküsst werden! Von mehr wage ich ja gleich gar nicht zu träumen….
Stattdessen darf ich jetzt hinaus in diese elende Schneehölle und mir die Finger wund schippen. Es hat sicher 20cm Neuschnee gegeben seit ich heim gestolpert bin. Schöne Scheiße! Endlich habe ich mich dick genug eingepackt, dass man sogar denken könnte, ich habe Muskeln. Da muss sogar ich blöd drüber grinsen, als ich mir die dunkelblaue Wollmütze über meine Haare ziehe und dann die Schippe in die Hand nehme.
‘Die wiegt ja mehr, als ich‘, geht mir durch den Kopf, als ich gleich am Hauseingang knietief in dem weißen Mist versinke. Wer jetzt behauptet, dass es geil ist, wenn im Winter viel Schnee liegt, der hat noch nie im Gebirge mehr als drei Tage verbracht und nicht mehr gewusst, wohin mit dem Rotz, nachdem der Schneepflug die eigene Arbeit wieder zunichte gemacht hat!

09:00 Uhr

„Ach, Felix, dass ich das noch erleben darf … wie du die Einfahrt deiner Eltern frei schippst. Hätte ich dir gar nicht zugetraut“, flötet es am Gartenzaun von links.
„Guten Morgen, Frau Müller. Ich wünsche Ihnen ein gesundes Neues“, würge ich hervor, zwischen zwei kläglichen Versuchen, etwas mehr Schnee weg zu bekommen als ein Dreijähriger. Wenn das so weitergeht, dann bin ich Mittag noch nicht fertig.
„Dir auch ein gesundes, neues Jahr …“, meint die alte Waffel und zieht genüsslich an ihrer Zigarette, die schon ganz von Lippenstift verschmiert ist. Buäh … „… und vielleicht findest du ja in diesem Jahr eine nette Freundin … oder Muskeln“, lacht sie noch, bevor sie sich umdreht. Verfluchtes Weib!
„Weder, noch, Frau Müller“, rufe ich ihr hinterher. „Ich bin nämlich immer noch schwul und das wird sich genau so wenig ändern, wie die Tatsache, dass ich eben schmal gebaut bin! Tut mir ja leid, wenn das nicht in ihr Weltbild passt, aber ich bin froh darum, dass ich nie in die Verlegenheit kommen muss, ihre Tochter als ‘hübsch‘ zu bezeichnen“, murmle ich noch hinterher, denn die Wachtel ist glücklicherweise wieder im Haus verschwunden.
Gerade, als ich mich wieder diesem widerlichen Zeug zu meinen Füßen widmen will, höre ich, wie es tief und dunkel gluckst. Was zum?! Genervt hebe ich meinen Blick, nur um dann meinen Mund offen stehen zu lassen, statt eine saftige Antwort zu geben.
„Wenn du länger so stehen bleibst, könnte ich auf dumme Gedanken kommen …“, zwinkern mir gerade stahlblaue Augen zu. „Oder soll ich deine Mandeln noch länger bewundern dürfen? Nicht, dass die nicht ansehnlich wären … aber ich will deinen Eltern nicht erklären müssen, warum du eine Halsentzündung hast“, höre ich dieser wunderbaren Stimme einfach weiter zu.
„Ich … äh … ich …“, stottere ich grenzdebil vor mich hin.
„Du bist Felix, der Sohn, von dem mir dein Vater schon so viel erzählt hat“, hält mir mein Gegenüber jetzt eine Hand hin, die ich wohl schütteln soll. Ich bekomme sogar hin, dass ich vorher noch meinen Handschuh ausziehe. Ist höflicher. Man, sind meine Finger immer schon so kalt gewesen? Dagegen sind seine ja wie ein Hochofen! Ob er mich wärmen könnte? Hmmm, schöner Gedanke.
„Ähm, ja. Ich bin Felix … und du?“
„Basti, also eigentlich Sebastian, aber alle nennen mich Basti. Ich bin der Sohn eurer neuen Nachbarn. Gesunden Neues dir erstmal noch.“
„Ja, danke … äh … dir auch“, bootet sich mein Hirn wohl noch immer. „Saskia hat erzählt, dass sie und Paps neue Nachbarn haben …“, beginne ich und werde gleich unterbrochen.
„Und dabei vergessen, dir vom überaus prachtvollen und gutaussehenden Sohn zu berichten, oder? Warum sonst habe ich dich in den vergangenen 2 Monaten noch nicht gesehen?“, fragt mich Basti jetzt, aber ich kann den Schalk heraushören.
„Na, wenn man auf 2m große Kerle steht, deren Oberarme doppelt so breit sind, wie die eigenen“, stichle ich etwas zurück, bevor ich merke, was ich da eigentlich tue. Basti aber wirft sich auf einmal auf seiner Schneeschippe richtiggehend in Pose und ich darf seinen Bizeps unter der recht dünnen Jacke bewundern, und befühlen, denn er hält mir seinen Arm hin.
„Kommt alles vom Boxtraining“, meint er stolz und lacht wieder.
Flirtet der etwa mit mir? Nee, sicher nicht. Aber nicht, dass ich da was in den falschen Hals kriege und mich in was verrenne….
„Du … du hast aber schon gehört, was ich der ollen Müller hinterher geworfen habe, oder?“
„Was glaubst du, warum ich gelacht habe? Dat Chantalle ist ja wirklich nicht so der Brüller. Da gibt es wirklich hübschere Frauen auf diesem Planeten.“
Bingo! Hetero! Mein Herz darf weiterarbeiten.
„Und du hast kein Problem damit, dass ich schwul bin? Hier in der Siedlung hat das damals große Wellen gemacht, als ich mich geoutet habe und die Müller kann das bis heute nicht begreifen“, nuschle ich jetzt in meinen dicken Schal.
„Na solange du keinen Kerl antatschst, der das nicht will? Warum soll es mich dann stören? Ich weiß schon, wie ich mich wehren kann …“, zuckt Basti die Schultern und fängt wieder an, seine eigene Einfahrt frei zu machen.
Ebenso schulterzuckend mache ich mich wieder an die Arbeit. Kann ja nicht ewig auf seinen Prachtarsch starren. Wäre Basti sicher nicht recht, wenn er sowas sagt. Aber ich sehe dann doch verwirrt hoch, als ich mit einer anderen Schippe kollidiere.
„Ich dachte, ich helfe dir mal etwas. Sonst bist du bis zum nächsten Schneefall niemals fertig“, gluckst er wieder.
„Danke“, laufe ich rot an und flüchte in mein Heim, als wir fertig sind.

02.01. 10:00 Uhr

Sonntag! Länger ausschlafen … oder mit einem Harten aufwachen, weil man vom geilen Nachbar geträumt hat. Dabei war der einfach nur nett und nichts weiter. Ist eh selten, dass man in diesen Käffern hier mal keinen homophoben Idioten trifft. Viele Kerle in meinem Alter denken, sie müssten was beweisen und so waren die letzten beiden Jahre bis zum Abi auch echt der Horror. Ich war damals zu dämlich! Warum musste ich auch dem süßen Typen eine Stufe über mir gestehen, dass ich mich in ihn verliebt hatte? Keine zwei Tage später war es an der ganzen Schule rum, dass der Winterbaum schwul ist. Hat mir viele, blaue Flecke gebracht und so manch durchgeheulte Nacht.
Wenn Paps damals nicht so hinter mir gestanden hätte, wer weiß, was ich gemacht hätte. Naja, das ist nun drei Jahre her und an meinem Zustand der ungeküssten Jungfrau hat sich nicht wirklich viel geändert. Aber der Beginn des Studiums war auch einfach zu stressig. Da hatte ich einfach keine Zeit, um Kerle anzuquatschen … nicht, dass ich schüchtern wäre … Gott bewahre! ‘Wo ist mein Sarkasmusschild, wenn ich es brauche?‘