Sweet 16

Sweet 16

Es war endlich soweit!
Tristan bekam schon seit kurz nach Mitternacht einen Geburtstagsgruß nach dem anderen auf sein Smartphone geschickt. Sie trudelten von seinen Freunden ein, den Kumpels und allen Bekannten, die hofften, doch noch eine Einladung zu seiner Sweet-16-Party zu erhaschen.
Doch mehr als die 100 Gäste waren einfach nicht drin. Auf mehr würde sich seine Mom einfach nicht einlassen. Außerdem war der Caterer nicht darauf eingestellt, keine Stühle mehr aufzutreiben und Tristan kannte sowieso nur dies Hälfte wirklich gut. Alle anderen waren Freunde von Freunden und solche Leute eben.
Eigentlich war es ihm auch egal. Hauptsache war, dass er kam! Alles andere war egal. Wenn Tristan an diese hellgrauen Augen dachte, dann wurde ihm ganz anders. Ein kribbeln lief durch ihn hindurch und sammelte sich am unteren Ende seiner Wirbelsäule, verschaffte ihm einen beginnenden Ständer.
Aber ehe er den auskosten konnte, und sich selbst beglücken, während er daran dachte, wie es sich anfühlen mochte, über den Schwung seiner wunderbaren Lippen zu lecken, Sprangen ihn 50 Kilo schwarzhaariger Teenie an.
„Happy Birthday to you! Marmelade im Schuh! Aprikose in der Hose …. Happy Birthday to you!“, sang seine beste Freundin recht schief und sehr laut neben seinem Ohr.
„Danke, Marleen. Ich hab‘ dich auch sehr lieb. Aber bitte geh‘ von mir runter …“, wischte Tristan sich den Schlaf aus den grünen Augen.
„Ich dachte, du freust dich, wenn du heute nicht ganz alleine im Bett liegst. Ist doch immerhin nicht irgendein x-beliebiger Geburtstag, oder?“
„Das weiß ich, Süße … aber“, versuchte er, doch Marleen ließ nicht locker.
„Du darfst Alkohol trinken“, zählte sie auf.
„Zumindest endlich offiziell …“, griente Tristan.
„Du darfst rauchen.“
„Was ich nicht will …“
„Du darfst bis Mitternacht mit uns durch die Clubs ziehen!“
„Weil ihr mich ja auch um neun immer an meinem großen Pool allein gelassen habt …“
„Und du darfst endlich mit jedem ins Bett, den du willst, egal, wie alt!“, schloss das Mädchen.
„Halleluja! Preiset den Herrn! Ich darf vögeln, wen ich will. Zumindest, wenn der, den ich will, mich auch will“, stöhnte Tristan auf und ließ sich wieder zurück in die Kissen plumpsen.
„Hey! Ich habe nicht umsonst einen Plan entworfen! Heute bringen wir meinen schwulen, besten Freund endlich an den Mann! Noch vor Mitternacht ist dein Jungfrauenstatus Geschichte!“, schwor Marleen ihn ein.

*** *** ***

„Sag‘ mal, kommt dein Dad eigentlich auch?“, nuschelte Marleen mit der Zahnbürste im Mund.
Das Rauschen aus der Dusche hörte auf und Tristan trat tropfend daraus hervor. Er schlang sich ein Handtuch um die schmalen Hüften, drehte sich um und lachte, als er sah, wie seine Busenfreundin gaffte. Wasser rann aus den kurzen, rabenschwarzen Haaren über seine Brust, vorbei an zartrosa Nippeln und über ein leichtes Sixpack, um dann einer schmalen, schwarzen Spur zu folgen, die unter dem Frottee verschwand.
Provozierend drehte sich Tristan noch einmal, um auch seinen ansehnlichen Rücken zu präsentieren, und trat dann an die beiden Waschbecken seines privaten Bades. Er hob eine Hand, legte sie Marleen unters Kinn und wischte ihr mit dem Daumen etwas Zahnpasta weg, die ihr aus dem Mundwinkel lief.
„Nicht sabbern, Süße!“, lachte er.
„Sonst wird das nie was mit Bobby, auch, wenn mir die Reaktion schon gut gefällt. Nur sollte sie nicht von dir kommen …“
Beleidigt schlug Marleen Tristans Hand weg und putzte verbissen weiter ihre Kauleiste.
„Was ist nun?“, nuschelte sie wieder.
„Du hast Glück, dass ich zahnputzisch fließend spreche. … … … Nein, Dad kommt nicht. Ist auch besser so!“, erklärte der Teenie, während er sich nun selbst so ein Putzinstrument in den Hals schob.
Marleen hatte es geschafft. Sie wusch sich ihr Gesicht und begann, MakeUp aufzulegen.
„Drei Jahre ist es jetzt her, dass er seine Sekretärin das erste mal um den Verstand gebumst hat und deine Mom die fette Abfindung kassierte, oder?“
Tristan nickte nur zustimmend.
„Wird es dann nicht langsam Zeit, dass sie deine neue Mami wird?“
Vor lauter Schreck und entsetzen über diese Idee verschluckte sich Tristan an dem Wasser, mit dem er sich gerade den Mund ausspülen wollte. Er hustete heftig und spuckte es dabei über den Spiegel, von dem es nun langsam nach unten auf die Armaturen tropfte.
„Das mit dem schlucken musst du aber nochmal üben“, quittierte Marleen Tristans Nahtoderfahrung trocken.
„Ach, halt die Klappe!“, hechelte er.
„Wenn du vorschlägst, dass Sugar meine Stiefmutter wird, dann kann ich doch gar nicht anders!“
„Sugar … Das klingt wie der Name eines … du-weißt-schon-Sternchens.“
„Leider gibt es keinen Grund, das zu dementieren. Ihr gebleichten Zähne und Haare, der Riesenbusen, den Dad ihr bezahlt hat, und die Solariumsbräune sprechen eher dafür …“
„Klingt, als hättest du sie erst gesehen.“
„Ja, leider“, seufzte Tristan und drehte sich zu Marleen, um sie mit seiner griesgrämigen Miene zu beglücken.
„Letzten Sonntag haben sie mir ein Motorrad vor die Tür gestellt, bevor sie nach Spanien gejettet sind.“
„Was willst du mit einem Motorrad?“, fragte Marleen erschüttert nach.
„So viel, wie mit dem Quad letzten Geburtstag. Eine Sprachreise nach Paris, oder eine neue Stute für die Zucht, wäre mir echt lieber gewesen!“, stellte er ernst fest.
Marleen nickte verständnisvoll. Dann lachte sie auf und erntete dafür einen schrägen Seitenblick.
„Hör‘ sich einer mal deine Probleme an! Scheiß elitäres Gequatsche! Aber, was machst du nun mit dem Teil?“
„Ich hab‘ es schon vertickt und das Geld der Suppenküche gespendet, in der ich aushelfe“, erklärte Tristan nicht ganz ohne Stolz in der Stimme.
„Wie edel von dir! Aber hätte das nicht bis übermorgen warten können? Hätte bestimmt Spaß gemacht, mit dem Teil über den Rasen zu heizen …“, gluckste Marleen.
„Bist du irre? Der gute Rasen, den Emeraldo so pflegt? Der ist doch schon mit Mom genug gestraft! Da brauch‘ er nicht auch noch ein zerfahrenes Grün.“
Ein wissender Blick wurde getauscht, als sie beide daran dachten, wie Tristans Mom im knappen Bikini durch den Pool schwamm und dann tropfend über den Rasen lief, um Emeraldo zu fragen, ob der auch ja genügend Sonnencreme auf seinen Muskeln verteilt hatte. Immer wieder schüttelte sich der Teen, wenn er dieses Bild sah, denn es war einfach nur peinlich. Eigentlich fragte er sich aber, wie Marleen auf die Schnapsidee hatte kommen können, seinen Nachhilfelehrer wirklich einzuladen. Doch nun war es zu spät….
„Ich bin ja schon still“, erklärte diese jetzt beleidigt.
„Hauptsache, du bist endlich fertig!“, schnaubte Tristan lieber.
„Es ist noch viel vorzubereiten, bis die Gäste eintreffen.“
„Ja, ja ….“, grinste das Mädchen.“
„… … Champagner kalt stellen, Erdbeeren drapieren, Kondome und Gleitgel griffbereit hinlegen, die Liebesschaukel … “
Weiter kam Marleen nicht mehr, denn Tristan warf sich auf sie und kitzelte seinen Freundin, bis sie nur noch japste.

*** *** ***

Je später es wurde, um so nervöser wurde Tristan.
Alle seine Freunde waren gekommen. Er trug sein neues Hemd und die schwarze Jeans, die seine Hüften und den Hintern so gut betonte. Marleen hatte stundenlang an Tristans Haaren herum gefummelt, bis sie einen „out oft bed“-Touch besaßen und sich alle Mädchen nach ihm umdrehten. Tja, wenn auch bis auf seine Busenfreundin und Patrick, seinen Kumpel aus Kindertagen, niemand davon wusste ….
Wem hätte Tristan auch sein coming out beichten sollen? Dad? Der meldete sich alle 3-4 Monate mal per Skype. Mom? Die rannte hinter dem 22-jährigen Gärtner her – armer Emeraldo, oder dem 25- jährigen Poolboy – armer Steven. Beide waren nicht begeistert. Dem Wasserball-Team? Dem gehörten er und Patrick zwar schon 10 Jahre an, aber nein. Die Jungs brauchten das nicht zu erfahren. Blieb also niemand, denn Granny schied aus. Die war viel zu konservativ und schon fast gestorben, als sich ihre Tochter vom untreuen Gatten scheiden ließ.
„Was mach‘ ich, wenn er nicht kommt? Oder schlimmer, wenn er kommt?“
„Hoffen, dass du vorher gekommen bist?“, stichelte Marleen.
Tristan war ein nervliches Wrack. Seit einer Stunde tänzelte er um sie herum und machte das Mädchen wahnsinnig. Er trank nichts außer Coke, denn er befürchtete, dass Bier ihn zu schnell außer Gefecht setzen würde. Er tanzte nicht, denn mit den Mädels wollte und mit den Jungs konnte er nicht. Tristan ging einzig Patrick und ihr auf die Nerven.
Gerade standen sie an der Bar im Garten und sahen sich um. Patrick sprang in den Pool und flirtete mit allem, das weiblich und in Reichweite war.
„Du bist blöd!“, konterte der schwarzhaarige Junge.
„Ich dich auch, Schätzchen!“
„Aber im Ernst!“
„Wie? Nicht im Spaß?“
Tristan streckte ihr die Zunge raus, bevor er missmutig drein blickte.
„Leenie!“, zischte er den verhassten Spitzname aus Kindertagen.
„Schon gut! Ich bin ganz Ohr. Was hast du?“
„Der Plan macht mir Bauchschmerzen. Was, wenn er mich doch nicht will? Ich meine, ja, da gab es diese Momente zwischen uns, mit tiefen Blicken und Herzklopfen, oder wenn ich das Gefühl hatte, dass er mich nach der Nachhilfe nicht gehen lassen wollte … aber trotzdem …“
„Er ist auf deine Einladung eingegangen, oder?“
„Ja, weil er mir Mom vom Hals halten will, wie ich ihn bat. Also habe ich ihn eigentlich nicht eingeladen …“
„Wäre ja auch komisch …. Connor auf einer ‚Sweet-16-Party‘. Das passt nicht. Da hätte er sicher abgelehnt.“
„Eben! Der Plan ist blöd!“
„Nein, ist er nicht. Was hat er dir gleich nochmal zum Abschied geschenkt, als ihr eure letzte gemeinsame Stunde hattet?“
„’Tristan und Isolde’“
„Und?“
„Es ist eine alte Ausgabe … auf französisch“, nölte Tristan.
„Da siehst du! Wer würde das schon tun, wenn er kein Interesse hat?!“
„Möglich …“
„Sicher! Außerdem ist da noch Patrick. Wenn alle Stricke reißen, dann ‚opfert‘ er sich für dich. Du wirst so oder so heute deine Unschuld verlieren!“
„Ich will nicht von meinem besten Bi-Kumpel flachgelegt werden! Ich will mein erstes Mal mit dem Mann, den ich liebe!“, wetterte Tristan nun, froh, dass der DJ laute Lieder spielte.
Marleen sah ihn mitleidig an.
„Es ist nicht nur verliebt und geil auf ihn sein, weil er heiß ist, oder?“, fragte der Teen nach, obwohl ihr die Antwort klar war.
Frustriert schüttelte Tristan den Kopf und ließ ihn dann hängen.
„Nein, Süße, ist es nicht! Ich könnte Mom und Dad jetzt noch eine rein hauen, weil sie mir den Mist eingebrockt haben.“
„Aber du hast in dem Fach abgeloost, von dem du wusstest, dass er da kein Erbarmen kennt.“
„Das nennt man Rebellion! Hallo-o-o!“, versuchte sich Tristan zu rechtfertigen.
„Bei einem Vater, der Vize eines Verlags ist, der vor allem französische Bücher übersetzt, oder ins Französische übersetzt. War doch klar, dass er dir da Hilfe organisiert!“
„Aber ausgerechnet den Sohn seines Chefs?“, maulte er nun wieder.
„Besser, als Sugar“, witzelte Marleen.
„Wobei … ihren Französischunterricht hättest du vielleicht auch gebraucht, wenn ich an das Zahnpastafiasko von heute Morgen denke ….“
Bevor Tristan darauf etwas antworten konnte, sah er endlich Connor, der ein wenig verloren auf der Veranda stand. Genießend betrachtete er das Objekt seiner Begierde einige Augenblicke, denn Connor sah verboten gut aus, wie Tristan befand. Er steckte in ein sündhaft teuren, perfekt sitzenden, hellgrauen Hose, die den Farbton seiner Augen widerspiegelte. Dazu trug er ein schwarzes Hemd, dessen Ärmel bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt waren. Eine passende, hellgraue Weste und ein weißer Schlips komplettierten seine Erscheinung.
Doch als Tristan seinen Blick endlich hob, stockte ihm endgültig der Atem. Ein sauber gestutzter, hellbrauner Dreitagebart zierte Connors markantes Kinn und Tristan wollte gern seine Lippen auf die hohen Wangenknochen drücken, die von leicht gewellten Haaren verborgen wurden, bis das Objekt seiner Begierde sie sich hinter ein Ohr strich. Drei Strähnen fielen dabei wieder nach vorn. Wie gern Tristan einfach mal hindurch gefahren wäre….
„Nicht gaffen! Hingehen und begrüßen!“, gab Marleen ihrem Freund einen Schubs in die richtige Richtung.
Während Tristan mechanisch nickte und sich langsam in Bewegung setzte, stand Connor noch immer unschlüssig da und hielt krampfhaft das Geschenk fest, das wohl für Tristan bestimmt war. Er fragte sich zum wiederholten mal, ob es eine gute Idee war, hier aufzutauchen. Doch bevor er sich dazu entschließen konnte, einfach ungesehen wieder zu gehen, nahm er einen vertrauten Duft wahr und keine Sekunde später hing ihm auch schon ein Teenager am Hals und umarmte Connor voller Überschwang.
Der junge Mann griff reflexartig zu, taumelte durch den Schwung nach hinten und landete auf einem Liegestuhl. Tristan kam auf ihm zu sitzen, seinen perfekten, heißen Hintern an Connors Leiste drückend. Dieser versuchte, ein verzweifeltes Stöhnen zu unterdrücken, als er spürte, wie Tristan perfekt an ihn zu passen schien.
Dem Teenie erging es nicht besser, denn der Duft des Älteren vereinnahmte ihn beinah vollkommen und das, was er durch die vielen Lagen an Stoff Spuren konnte, wirbelte seine Gedanken gehörig durch einander. Da machte es die ganze Situation auch nicht besser, dass Connor sich aufsetzte und seine grauen Augen sich in Tristans zu bohren schienen, während der verzweifelt versuchte, nicht auf den sinnlichen Schwung von Connors Lippen zu starren.
„Happy Birthday“, flüsterte Connor nun leise und so nah, dass Tristan seinen Atem auf der Haut spüren konnte.
„Danke“, kam es genau so leise zurück.
Beide hätten wohl ewig so sitzen können, wenn nicht um sie herum diese Party gestiegen wäre. So aber wussten sie, dass es denkbar ungünstig war. Also krabbelte Tristan mühsam von Connor und versuchte, seine Gefühle und den beginnenden Ständer zu unterdrücken, während Connor ihn gleichzeitig von sich schob und dabei ein letztes mal aus Versehen länger berührte, als er es musste.
Erst als beide wieder standen, wagten sie es, sich wieder anzusehen. Nicht genau wissend, wie es nun weitergehen sollte, erinnerte sich Connor endlich an sein Geschenk für den Jungen. Doch seine Hände waren leer, denn er hatte ja nichts Besseres zu tun gehabt, als Tristan an seine Brust zu ziehen, während sie nach hinten fielen.
Nun suchte er verzweifelt danach, doch erst nach einer gefühlten Ewigkeit fand er das kleine Päckchen. Es lag auf der Liege, zu seinem Glück unversehrt. Froh darüber, beugte sich der Ältere nach vorn und war sicher, dass er einen erstickten Laut vernahm. Doch als er sich wieder umdrehte, war er sich sicher, dass es nur Wunschdenken war, denn Tristan sah gerade zum Pool. Erleichtert, und doch auch zugleich enttäuscht, straffte sich Connor und streckte das viereckige Päckchen endlich nach vorn.
„Hier, Kleiner“, lächelte er verschmitzt.
„Danke! Aber ich bin nicht mehr klein! Ich bin fast so groß, wie du!“, schmollte Tristan nun beleidigt.
Der Blick, den Tristan ihm zuwarf, war so entgeistert, dass Connor sofort ein schlechtes Gewissen plagte. Er wollte nicht, dass sein Kleiner so bestürzt war, wenn er etwas sagte. Also zog er kurz den Kopf ein, hob eine Hand und war versucht, Tristans Wange zu streicheln. Stattdessen aber ließ er die Finger wieder unverrichteter Dinge sinken und fragte einfach leise, was er wissen wollte.
„Das habe ich doch auch gar nicht so gemeint. Bitte, du kennst mich doch nun schon so lange. … Verzeihst du mir?“, wollte Connor gern wissen, denn er wollte nicht, dass der Schwarzhaarige sauer auf ihn war.
‚Vielleicht war mein Geschenk doch keine so gute Idee?‘, schoss ihm in dem Augenblick durch den Kopf.
Aber es war zu spät. Tristan hielt es schon in der Hand und das, was er ihm hatte eigentlich schenken wollen, war sowieso nicht möglich. Da konnte es sich Connor auch gleich so richtig verscherzen, oder? Dann war es wenigstens vorbei, dieser scheinbare Tanz um den heißen Brei! Oh wenn doch nicht alles so zwiespältig wäre, das mit diesem Jungen zu tun hatte!
„Dir verzeih‘ ich alles“, riss ihn Tristans Antwort aus den Gedanken.
„Sag‘ das nochmal, wenn du das hier aufgemacht hast“, lächelte Connor nun wieder, dass das Herz seines Gegenübers augenblicklich schneller schlug.
„Soll ich es jetzt aufmachen, oder bis später warten?“, fragte der Teenager vorsichtig nach.
„Wie du willst. Es ist nichts, was nicht alle sehen dürfen. Nur ob du dich traust, ist die Frage.“
Tristan überlegte einen Augenblick, bevor er sich dazu entschloss, das Päckchen lieber in aller Ruhe, in seinem Zimmer zu öffnen und es zur Seite legen wollte. Doch er hatte nicht mit Patrick gerechnet. Dieser stand gerade in dem Moment mit einem Bier bewaffnet hinter ihm, musterte Connor eingehend, nickte dann für sich selbst und grölte recht laut, dass es alle Umherstehenden mitbekommen mussten.
„Na los, mach schon auf! Werden wohl keine Kondome sein. Eigentlich schade …“
Tristan lief hochrot an, ebenso wie sein Gegenüber, und versuchte sich, aus der Umarmung seines Kumpels zu winden.
„Patrick, bitte …“, wollte er ansetzen, doch Connor sprach dazwischen.
„Nein, da sind keine drin. Sorry, aber da muss ich dich enttäuschen. Wenn Tristan mit einer der hübschen Anwesenden ins Bett will, muss er sich woanders welche besorgen“, wollte Connor nun retten, was zu retten war, erntete aber nur verstörte Blicke von den beiden Jungs.
„Mach‘ es einfach auf“, stieß Patrick Tristan den Ellenbogen in die Rippen.
Nickend tat der Schwarzhaarige, was sein Kumpel mit der braunen Naturkrause von ihm verlangte und riss das Papier weg. Als dann das Geschenk zum Vorschein kam, hielt Patrick sich den Bauch vor Lachen und Tristan sah Connor geschockt an. Gut, die gelben Entchen auf grünem Hintergrund als Geschenkpapier hätten ihn sicher vorwarnen können, aber trotzdem … Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet.
„Das … das ist … ein Bilderbuch … für Dreijährige!“, stammelte Tristan bleich vor sich hin.
„Nein, es ist ein französisches Bilderbuch für Dreijährige“, krähte Patrick nun noch lauter.
„Wie konntest du mir das nur antun?“
Sauer und aufgelöst rannte Tristan davon, bevor Connor etwas dazu sagen konnte, und war verschwunden, bevor er ‚das war ein Scherz‘ herausbringen konnte.
„Verdammt, was mach‘ ich denn nun? Patrick, musste das sein?“, giftete er nun den verbliebenen Jungen an.
„Wer hat ihm das Ding denn gegeben? Du oder ich? Das konnte doch nur schief gehen!“
Während er sich die Lachtränen aus den Augen wischte, funkelte Connor ihn noch immer wütend an.
„Aber das war ein Scherz! Nur eine weitere Verpackung für das hier!“
Dabei zerrte er einen Gurtschein aus dem Buch, auf dem das Logo eines erstklassigen Tattoostudios prangte.
„Was?“, fragte Patrick nun ungläubig.
„Er hat sich mit mir darüber unterhalten, wie gern er sich was stechen lassen will. Da dachte ich, das sei perfekt. Aber ich wollte ihm das Ding nicht einfach so in die Hand drücken. Tja… versagt auf ganzer Linie, oder?“
Connor setzte sich auf den Liegestuhl, der noch immer hinter ihm stand, und legte den Kopf in die Hände. Patrick sah ein, dass er wohl zu weit gegangen war.
„Geh‘ ihm nach. Ich schätze, er sitzt am hinteren Pool. Da ist es einsam. Da ist er gern, wenn er niemanden sehen will.“
Graue Augen trafen den Teen, ehe Connor dankbar nickte, das Buch und den Gutschein nahm und sich auf die Suche nach Tristan begab.

*** *** ***

Connor war auf der Suche nach dem Fleckchen Erde, das Patrick ihm geschildert hatte, schon beinah um das das ganze Grundstück gegangen. Als er schon aufgeben wollte, sah er es. Da war ein kleiner Pfad, der in einen abgeschotteten Teil führte. Er war fast nicht sichtbar, denn er verschmolz mit dem Grün, das scheinbar sehr gut gepflegt wurde. Wenn Patrick ihn nicht darauf aufmerksam gemacht hätte, dann wäre es Connor sicher nicht aufgefallen. Doch so schlängelte er sich nun durch Grünpflanzen hindurch und war von dem Anblick überwältigt, der sich ihm kurz darauf bot.
Wer auch immer der Architekt dieses Stückchens Erde war, der junge Mann hätte auch ihn engagiert, um so eine Idylle in seinem Garten zu kreieren, wenn es denn Sinn ergeben hätte.
Es war nicht einfach nur ein kleiner Pool mit Fliesen drum herum. Nein, hier war ein kleines, naturgetreues Paradies errichtet worden. Es gab hier einem Wasserfall, der sich in mehreren Etagen nach unten, in das kühle Nass des Teiches, stürzte und das Ganze schien einem Inselparadies nachempfunden. Nur der junge Mann, der am Rand des Beckens saß und regungslos hinein starrte, wollte nicht so recht in das idyllische Bild passen. Connor war sich nicht sicher, ob seine Schulter leicht zitterten.
„Tristan?“, fragte er leise.
Das erschrockene Schniefen und der Handrücken, der über sein Gesicht wischte, waren eindeutig. Doch auch die zitternde Stimme des Jungen erklärte Connor, wie tief er ihn getroffen hatte.
„Geh‘ einfach weg“, versuchte Tristan, sich zu schützen.
Doch der Andere hörte nicht auf ihn. Er trat näher, setzte sich neben den Jüngeren und stützte die Hände auf den Boden, als er sich etwas nach hinten beugte. So saßen sie eine lange Zeit schweigend neben einander, bis es Tristan nicht mehr aushielt.
„Wieso?“
Es war mehr eine Feststellung, als eine Frage, als er dieses Wort anklagend aussprach.
„Wieso was?“, hakte Connor irritiert nach.
„Wieso bist du hier, wenn du doch nur ein Kind in mir siehst?“, präzisierte Tristan seine Frage.
Er hob seinen Blick und starrte Connor aus nassen Augen an, die nicht verbergen konnten, dass er wirklich geweint hatte. Es tat dem Älteren in der Seele weh, ihn so zu sehen. Unwillkürlich setzte er sich nun wieder auf und betrachtete das ebenmäßige Gesicht vor seinen Augen näher. Es reizte Connor, zu ergründen, ob diese Haut wirklich so weich war, wie sie sich anfühlte, diese Lippen so zart. Wie Tristan wohl schmecken mochte? Nach Sommer und Jugend? Oder nach Unschuld und Neugier? Oh, was dachte er sich hier nur? Connor war erwachsen! Er musste diese Situation lösen und dann gehen, sich an Mrs. Wellington hängen und sie den Rest des Abends den Jugendlichen vom Hals halten, damit sie ordentlich feiern konnten.
„Du bist aber kein Kind für mich. Du bist jung, aber sicher kein Kind mehr!“, versuchte Connor sich zu rechtfertigen, bis er bemerkte, was er da von sich gab.
„Dein Geschenk sagt mir da aber etwas anderes!“, beschwerte sich Tristan wieder.
Nun schob er auch noch seine Unterlippe vor und schmollte wirklich.
‚Ob ihm bewusst ist, wie sexy das aussieht? Halt, was denke ich hier bloß? Oh verdammt!‘
„Es war doch nur ein Scherz, weil du am Anfang nicht einmal die Grundbegriffe wusstest, wie Farben oder Formen“, wollte er nun klar stellen und sich selbst von diesem Gedanken ablenken.
„Die kannte ich schon, nur wollte ich nicht lernen!“
Tristans Blick wurde eisern, so als würde er keine Widerrede dulden. Wieder war Connor in Versuchung, diesen süßen Mund einfach zum Schweigen zu bringen. Doch stattdessen erinnerte er sich lieber an das eigentliche Geschenk, das er in die Innentasche seiner Weste gesteckt hatte.
„Wie dem auch sei“, überging er Tristans Einwand.
„Es war eigentlich nur eine weitere Verpackung für das hier!“
Nun zog er den Umschlag wieder aus der Tasche heraus und überreichte ihn endlich an das Geburtstagskind.
„Noch einmal … Happy birthday, Tristan.“
„Was ist das?“, fragte dieser nun verwundert.
Erst, als er den Umschlag öffnete und das Logo darauf erkannte, hellte sich seine Miene wieder auf.
„Denkst du, ich würde dir so einen Gutschein schenken, wenn ich dich für ein kleines Kind halten würde?“
„Aber … aber …“, stotterte Tristan fassungslos.
„Wenn …“
Weiter kam Connor nicht mehr, denn der Teenie lag ihm wieder um den Hals und sie beide auf dem warmen Boden. Erneut presste er den Schwarzhaarigen fest an seinen Körper und war versucht, einfach so liegen zu bleiben, bis der neue Morgen kam.
„Danke“, flüsterte Tristan so nah an Connors Ohr, dass ihm ein Schauer über den Rücken jagte, als der warme Atem seinen Hals streichelte und Tristans Lippen ihn für einen kleinen Augenblick streiften.
„Gern geschehen“, presste er mühsam heraus.
Sie blieben noch einen Augenblick so liegen, bis sich Tristan wieder etwas aufrappelte und sich ihre Blicke trafen. Seine Augen strahlten so voller Freude, dass Connor sich nun nicht mehr beherrschen konnte. Er legte eine Hand an Tristans Wange und war nicht wirklich erstaunt, als er sich etwas hinein lehnte. Automatisch zog er den Jüngeren etwas näher an sich heran und musterte seinen Gesichtsausdruck genau. Doch er fand darin keine Ablehnung … nur freudige Erwartung, wie es schien. Immer näher zog er Tristan und hob seinen eigenen Kopf, um ….
„Tristan, bist du hier? Du musst endlich die Torte anschneiden!“
Marleens Stimme durchschnitt die idyllische Ruhe und zerstörte den Moment. Sofort war Tristan auf den Beinen und rannte davon, floh vor dem, was hier beinah geschehen war, und vor der Angst, dass Marleen ihn und Connor so fand.
„Ich komme schon, Süße!“, hörte Connor über das Rauschen seines Blutes hinweg und verfluchte Marleen, aber auch sich selbst.
„Was habe ich mir nur dabei gedacht? Wie dämlich muss ich sein?“, murmelte er zu sich.
Mühsam rappelte sich der Braunhaarige nun selbst auf und sammelte sich einen Augenblick. Er gab sich Zeit, um das Blut in seinem Körper wieder umzuverteilen, bevor es für ihn peinlich werden konnte und ordnete sein Haar, bevor er sich wieder unter die anderen Gäste mischte.