Diebstahl ins Glück

Von Tatorten und Opfern

Vincent, seines Zeichens junger und aufstrebender Künstler, stand völlig aufgelöst in seiner Küche. Er drehte sich einmal um die eigene Achse und wusste nicht, was er von dem Chaos vor seinen Augen halten sollte. Mehrere Beamte begannen in diesem Moment, Fotos von seinem Loft, auch Tatort genannt, zu schießen und alles Brauchbare einzupinseln, um vielleicht verwertbare Fingerabdrücke zu erhalten. Noch immer war ihm unbegreiflich, was genau hier vor sich ging. Nur mit Mühe hielt er sich aufrecht und umklammerte fest die Küchentheke, an die er sich lehnte, um nicht in sich zusammen zu sacken. Vor sich hin starrend, hörte er auf einmal eine neue Stimme in dem ganzen Wirrwarr. Melodisch klang sie, als sie sich nach dem Opfer, ihm, erkundigte.

„Bitte verzeihen Sie, aber wenn ich mich vorstellen dürfte?“
Eine große Hand schob sich in Vincents Sichtfeld. Blinzelnd, um die Tränen, die ihm in den Augenwinkeln brannten, nicht zu zeigen, hob er seinen haselnussbraunen Blick nach oben. Der Arm, zu dem die Finger gehörten, streckte sich von einer breiten Schulter ab. Vincent erkannte es sofort. Obwohl der Oberkörper in einer unförmigen Anzugjacke steckte und zusätzlich unter einem Trenchcoat versteckt wurde, musste er nicht lang überlegen. Hier stand jemand vor ihm, der regelmäßig in einem Fitnessstudio trainierte.
Es war eine von Vincents Stärken oder Schwächen, je nachdem, wen man fragte, sofort genau zu wissen, wie sich die Muskeln unter der Haut abzeichnen würden, wenn man jeden Fetzen Stoff vom Körper riss. Dies geschah, sobald er sich betrachtete, wie die Proportionen eines Menschen wirkten. Konnte er dazu noch sehen, wie sich der Stoff um die Schultern spannte, hatte er das vollständige Bild im Kopf. Hier war es so. Mehr, als es dem Mantel gut tat, zerrten die Muskeln an den Nähten. Diese versuchten dennoch verzweifelt, nicht zu reißen.
Da Vincent nichts weiter tat, als die Hand teilnahmslos anzustarren, denn ein Blick in das Gesicht, das zu der dunklen Stimme gehörte, war für ihn gerade so überflüssig wie ein Kropf, ließ der Anzugträger sie wieder sinken, kramte in der Manteltasche und hielt gleich darauf einen Notizblock in der Hand, natürlich mit passendem Kugelschreiber.
„Gut“, brachte der Neuankömmling hervor. „Ich bin Aidan Jones, der für sie zuständige Detective Inspector. Es tut mir leid, Sie unter derartigen Umständen kennenzulernen, aber …“
„Als ob Sie mich sonst hätten kennenlernen wollen“, unterbrach Vincent sein Gegenüber schroff.
„Bitte? Ich verstehe n~“
„Das tun Sie sehr wohl. Sparen Sie sich Ihr Mitgefühl für andere auf. Wenn Sie mich auf der Straße gesehen hätten, dann wären Sie doch einfach an mir vorbei gegangen, oder? Vielleicht hätten Sie sich noch einmal kurz umgedreht, um sich zu vergewissern, dass Sie richtig hingeschaut haben, doch das wäre es dann gewesen.“
„Es tut mir leid, falls ich Sie gekränkt habe, aber dies lag nicht in meiner Absicht. Ich verstehe, wenn Sie gerade etwas aufgebracht sind. Die Situation ist sicher nicht einfach für Sie. Es geschieht nicht oft, dass man eine Horde Beamte in seiner Wohnung hat und ich entschuldige mich für meine Worte. Doch ich wollte einfach nur höflich sein.“
„Ich sagte: sparen Sie sich das! Ich weiß, dass ich nicht der Typ bin, der von anderen besonders gern angesehen wird.“

*

DI Jones straffte sich innerlich. Das konnte wohl noch heiter werden. In aller Regel waren die Menschen in solchen Augenblicken dankbar für ein paar tröstende Worte oder sahen ihn zumindest an, wenn sie ihn schon als herzlosen Mistkerl beschimpften, ohne ihn zu kennen. Doch noch immer war alles, was seine grauen Augen erspähen konnten, eine Masse aus schulterlangem, braunem, gewelltem Haar und der Ansatz eines Doppelkinnes. Wobei jeder, der seinen Kopf so weit nach vorn gesenkt hielt, ein Doppelkinn haben würde. Selbst er, obwohl an Aidan kaum ein Gramm Fett war.
Der Schwarzhaarige hoffte nun darauf, dass es eine normale Stressreaktion war, die nichts weiter zu bedeuten haben würde. Er erlebte das zwar nicht so oft wie andere Kollegen, doch fremd war ihm der Trotz nicht. Nachdem er noch einmal tief durchgeatmet hatte, setzte Aidan wieder sein professionelles, wenn auch durchaus charmantes, Lächeln auf, das ihm schon so manche Tür geöffnet hatte und wollte es erneut versuchen.
‚Wann hat er sich umgedreht?‘, ging ihm einen Moment später durch den Kopf, als er ein wenig unprofessionell bewunderte, wie gut die Jeans doch ihrem Träger stand und dessen Hintern betonte. Aidan räusperte sich und klappte seinen Block auf, drückte auf den Kugelschreiber und versuchte, sich ins Gedächtnis zu rufen, was er an Informationen bereits erfahren hatte. Diese musste er nur noch abgleichen, bevor er neue sammelte. „Ich verstehe, dass dies nicht leicht für Sie ist“, versuchte er erneut, ein Gespräch in Gang zu bekommen.
Aber alles, was Aidan erntete, war ein frustriertes Schnauben, als sich der andere Mann endlich dazu bequemte, sich doch wieder zu ihm umzudrehen. Für einen Augenblick stockte der DI, als sich erst ihre Blicke trafen und sich fast sofort seine Augenbrauen fragend zusammen zogen. Sein Gegenüber war offenbar mit dieser oder ähnlichen Reaktionen vertraut, denn er zeigte nun Resignation, statt Wut.
„Nein, es ist nicht leicht, wenn unglaublich viele fremde Menschen in der eigenen Privatsphäre herum schnüffeln, die Unterhosen anstarren und Witze darüber reißen, was man so alles im Spiegelschrank aufbewahrt. Ich kann Sie übrigens im Bad hören, junge Dame und wenn Sie mit Kondomen nichts anzufangen wissen, dass tun Sie mir ehrlich leid!“
„Ich muss mich für diese Inkompetenz entschuldigen. Ms. Bragan ist noch nicht lang aus der Schule und in den Staatsdienst getreten. Alice, raus aus dem Bad. Das gibt einen Monat Innendienst!“, erklärte der DI mit hochrotem Kopf.

*

Vincent war jedoch nicht in der Lage, sein Lachen zu verbergen und zeigte eine Reihe weißer, gerader Zähne, während er Aidan verblüffte. So eine Reaktion hatte dieser einfach nicht erwartet. Es war wie ein Befreiungsschlag. Der ganze Zorn, den der Braunhaarige bis vor einer Sekunde noch im Blick hatte, war verschwunden und Schalk blitzte hervor, zeigte für einen Moment, wie der junge Mann wohl eigentlich war, bevor er wieder ernst vor sich hin starrte. Aidan seufzte innerlich auf, denn der Anblick war wirklich … schön gewesen.
„Wenn Sie weiter so starren, dann werden Sie unhöflich, Inspector.“
„Verzeihen Sie bitte“, druckste Aidan und ließ seinen Blick sofort aus der offenen Küche in das Chaos schweifen, welches sich ihm schon beim Eintreten offenbart hatte.
„Schon gut. Ich bin es gewöhnt, eigentlich. Aber da ich nur noch selten vor die Tür gehe, bin ich nicht mehr so ganz … abgehärtet.“
„Aber …“
„Bemühen Sie sich nicht. Bevor Sie sich den ganzen Tag den Kopf zerbrechen, schauen Sie noch einmal intensiv und dann lassen Sie es bitte gut sein. Tun Sie gar nicht erst so, als würde es Sie nicht interessieren. Ich habe Ihren Blick bemerkt!“
Der DI leugnete nicht, dass er gern das Gesicht seines Gegenübers noch einmal genauer angesehen hätte. Doch seine Fähigkeit, Dinge sofort genau aufzunehmen, machte dies überflüssig. Er erinnerte sich auch so an jede Einzelheit. Das Feuermal, das der Künstler trug und welches Aidan hatte stocken lassen, war ausnehmend groß. Es begann unterhalb seines linken Auges, zog sich fast über seine gesamte Wange und bis hinunter zu seinem Hals, wo es im Ansatz des dunklen Shirts verschwand.
Wenn sich der Schwarzhaarige richtig erinnerte, dann hatte er wohl auch Ausläufer davon auf dem Nacken des Anderen durch sein Haar hindurch erkennen können. Doch ohne diesen Zusammenhang hatte er vermutet, dass jung Mann sich vor Nervosität den Nacken gerieben hatte, bevor Aidan eintrat. Das Mal war dennoch nicht so feuerrot oder gar violett, wie er es schon hin und wieder gesehen hatte. Es war ein wenig blasser, beinah wie eine abheilende Verbrühung.
„Ich starre Sie nicht deswegen an“, war alles, er nun dazu hervorbrachte, bevor Aidan seinen Blick auf den Block senkte.
„Sicher…“, ertönte Vincents Stimme sarkastisch.
„Bitte, ich würde gern meiner Arbeit nachgehen. Dann sind Sie mich schneller wieder los. Wollen wir uns vielleicht setzen?“, versuchte es der DI nun versöhnlich.
„Wenn Sie darauf bestehen. Nehmen wir die aufgeschlitzte Couch oder die zerbrochenen Stühle?“
„Ich … nun. Daran dachte ich nicht.“
„Oder wollen Sie gleich mit mir ins Bett?“ Aidans tellergroße Augen ließen Vincent nun vergnügt schmunzeln. „Weil das wohl das einzige Möbelstück ist, das weder umgeworfen wurde, noch anderweitig zerstört. Es scheint fast so, als hätte sich der, der das war, nicht dort heran getraut.“
„Interessant. Wollen wir dann nicht vielleicht in ein Café gehen? Ich lade Sie ein. Der Kaffee auf dem Revier ist sowieso nur Plörre und ungenießbar.“
„Noch keine Viertelstunde in meiner Nähe und schon ein Date? Sie gehen aber ran!“ Erneut wusste der DI nicht, wie er darauf reagieren sollte. Sein Gegenüber verunsicherte ihn. Ob das seine Absicht war? Doch nun hörte er ein leises, resigniertes Seufzen. „Verzeihen Sie, DI Jones. Ich stehe ein wenig unter Stress. Es war nicht meine Absicht, Ihnen etwas anzudichten, was Sie nicht sind. Sicher wartet zu Haus schon Ihre Frau oder Verlobte mit dem Abendessen auf Sie. Es ist immerhin schon halb neun.“
„Oh, nein. Weder das Eine noch das Andere. Außerdem ist meine Schicht erst vor einer halben Stunde losgegangen. Ich starte sozusagen mit Ihnen in den Tag“, fing er sich wieder und zwinkerte dabei.
Vincent stockte nun und auch die andere Hälfte seines Gesichtes wurde so rot, wie sein Mal.
‚Anscheinend doch nicht so selbstsicher, wie er sich gibt. Schade.‘

*

Er sah den DI vor sich einen Augenblick ungläubig an. Hatte er ihm gerade wirklich zugezwinkert und dabei ein klitzekleines bisschen mit ihm geflirtet? Sollte es denn möglich sein, dass er sich so sehr vertan hatte?
Nun bequemte der Künstler in ihm sich doch, Aidan etwas genauer in Augenschein zu nehmen.
Er sah einen großen Mann vor sich, mindestens 1,98m, muskulös und gut gebaut. Auch wenn der Trenchcoat seine Figur nicht gerade schmeichelhaft betonte, so erkannte Vincent doch, dass die breiten Schultern in ein schmales V übergingen, bevor dieses in langen Beinen endete. Den Blick wieder hebend, bemerkte er, dass DI Jones hohe Wangenknochen hinter einem sauber gestutzten, schwarzen Drei-Tage-Bart verbarg, die ihm ein äußerst symmetrisches Gesicht bescherten.
Volle Lippen lächelten ein wenig spitzbübisch, als der etwas Ältere feststellte, dass er gerade einer Musterung unterzogen wurde und dennoch ließ der DI seine Hand etwas unsicher durch das kurze, schwarze Haar fahren, was ihm gerade einen out-of-bed-Look verpasste, den Vincent mit einem nervösen Schlucken quittierte.
‚Ich muss ihn unbedingt in meine Sammlung aufnehmen!‘, schoss ihm unvermittelt durch den Kopf.
„Wie sieht es aus? Nehmen Sie einen Kaffee als Entschuldigung an?“, riss Aidan ihn nun aus seinen Gedanken.
Nickend stieß sich Vincent von der Küchentheke ab, nahm seinen langen Mantel aus schwarzer Kaschmirwolle, der ein wenig um seinen Bauch herum spannte, und den dunkelgrünen Schal. Während er sich das Ungetüm noch um Hals und Gesicht wand, hielt Aidan ihm schon die Wohnungstür auf und musterte unwillig, dass der Künstler scheinbar versuchte, sich hinter dem Ding zu verstecken.
„Steht Ihnen ungemein, so eine Schlange um den Hals“, stichelte er sofort und biss sich gleich wieder auf die Zunge, denn der Blick aus den haselnussbraunen Augen schien ihn gerade erdolchen zu wollen.
„Es ist Ende Dezember. Es ist kalt und ich muss mich nicht vor Ihnen rechtfertigen, wissen Sie? Ich bin nämlich hier das Opfer!“, giftete Vincent schon zurück.
„Es tut m…“
„Sparen Sie sich Ihren Atem. Es geht Sie nichts an.“