Feindesland Band 1 | Dorogoy

Begegnung im Schnee

Mein Name ist Dimitrij. Ich habe meinen Bruder ermordet …
Es begann im Jahr 1915. Jurij, damals erst siebzehn Jahre alt, war im Krieg verschollen. Der Kleine war eigentlich noch viel zu jung, doch er wollte mir und unserem Vater seinen Wert beweisen. So verschwand er aus unserem Heim in Moskau, bevor wir es verhindern konnten.
Er schlich sich in die Armee, um schließlich in der Winterschlacht in Masuren zu enden, was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste. Er hätte auch schon tot auf einem Feld liegen können. Vielleicht wäre es besser gewesen, das zu glauben. Wir hätten ihn als Held begraben und um ihn getrauert, doch nicht mehr nach ihm gesucht.
Wenn ich doch nur nicht so dickköpfig gewesen wäre, ihn finden zu müssen. Wenn ich Vater nicht immer vorgeworfen hätte, dass er Jurij mir vorzog, dann … ja, dann … … …

Februar 1915, Ostfront bei Masuren

Die deutschen Truppen waren gut und zügig voran gekommen. Sie schlugen die Russen schon seit Tagen vernichtend und rückten im Feld immer weiter vor. Viele der Männer waren junge Burschen, so wie Arne Fischer, gerade einundzwanzig und aus der Reservedivision, die erst seit Kurzem die 10. Armee unterstützte. Als sie den Befehl erhielten, Boden gutzumachen, waren erbitterte Kämpfe unvermeidlich.
Zwar gelang es, doch zu welchem Preis? Auf der eigenen wie der gegnerischen Seite gab es viele, tote Männer zu beklagen. Schon eine Weile waren die Lieder verhallt, die sie alle sangen, um sich die Zeit zu vertreiben. Wehmut und Trauer saßen nun tief in ihren Herzen, während sie unerbittlich marschierten. Zu allem Übel öffnete nun der trübe Himmel seine Tore, so als wolle er zu dieser Stimmung beitragen.
Dicke, weiße Flocken rieselten lautlos zu Boden. Es war fast, als übertünchte der reine Schnee die Gräuel, die sie am vergangenen Tag noch begangen hatten. Nicht einmal die eigenen Kameraden konnten sie nach jenem Kampf begraben, waren es doch zu viele gewesen. Für einen Moment hob Arne den Blick aus seinen grünen Augen und seufzte schwer, denn unter ihnen war auch Fritz, ein junger Mann mit Augen, aus denen der Schalk blitzte, wenn er wieder Schabernack ausheckte.
Oft gab er dem Kommandant Widerworte und zog so den Ärger auf sich, um einen Kameraden davor zu bewahren, geschliffen zu werden. Sofort waren er und Fritz gute Freunde geworden, hatten gemeinsam die Latrinen ausgehoben, wenn der vorwitzige Kerl dazu verdonnert wurde, und sich die Mahlzeiten geteilt.
Seit der letzten Schlacht war es damit vorbei. Als Arne nach den Kämpfen über den schlammigen Boden rutschte und nach ihm suchte, fand er seinen Freund recht bald. Das hellblonde Haar leuchtete unter seinem Helm, doch in den Augen war kein Leben mehr zu finden. Dafür sorgte das Loch in der Stirn des Sachsen, aus dem ein dünnes Rinnsal Blut geflossen war.
Schniefend und trauernd war Arne an dem toten Leib zusammengesunken, hatte sein Leid geklagt und bittere Tränen vergossen. Mühsam schloss er die Lider seines Freundes, bevor er Fritz‘ Erkennungsmarke und das kleine Bild an sich nahm, das er immer bei sich trug. Es zeigte ihn mit seiner Familie, Mutter, Vater und den beiden jüngeren Schwestern.
„Ich werde es deinen Eltern bringen“, schwor der Norddeutsche ihm noch, als der Befehl zum Aufbruch ertönte.
In dieser Nacht schlief Arne nicht und wenn ihm das Töten schon zuvor nicht behagte, so war es ihm nun ein einziges, abartiges Grauen und die schlimmste Strafe. Er schwor sich, nie wieder die Waffe zu erheben. Kein einziges weiteres Leben sollte durch ihn beendet werden.
‚Lieber sterbe ich selbst!‘, ging ihm ein Gedanke durch den Kopf.
Als es nun immer schwieriger wurde, durch den Schneefall überhaupt noch den Mann zu erkennen, der vor einem lief, stoppte der Zug. Sie waren zu dieser Zeit mitten in einem kleinen Wäldchen, das sich gut dazu eignete, ihnen Schutz zu bieten. Hier sollte das Lager für die Nacht aufgeschlagen werden. Dankbar darüber sanken die Ersten zu Boden, um sich etwas Nahrung zu gönnen, die wunden Füße aus den Stiefeln zu ziehen oder einen Schluck Wasser zu sich zu nehmen.
Der strohblonde, junge Soldat aber suchte lieber schnell eine möglichst ruhige Stelle für sein kleines Einmannzelt. Er wollte versuchen den Schlaf nachzuholen, den er so dringend benötigte. Noch so einen Marsch würde er sonst nicht durchstehen, das wusste Arne. Mit schnellen, geübten Fingern hatte er die Zeltbahnen noch vor den anderen aufgebaut. Nur eine Sache blieb noch zu erledigen, bevor er sich zurückziehen konnte.
Doch da zu Arnes Leidwesen die Latrinen noch nicht ausgehoben waren, schlich er sich leise weiter in den Wald hinein. Wer sollte dort schon sein? Der junge Deutsche lief ein gutes Stück, bis er sicher war, dass man ihn nicht mehr sah, und tat, wofür er sich zurückgezogen hatte.
Gerade als Arne sein Geschäft verrichtet hatte, dankbar dafür einen Augenblick die Augen schloss und dann seine Hose wieder richtete, vernahm er etwas. Es war leise und für einen Moment war er sicher, sich das Geräusch doch nur eingebildet zu haben. Dann hörte er es erneut. Angestrengt horchte er nun, was da wohl gewesen sein mochte.
Es war ein leises, aber unverkennbares Stöhnen. Beklagenswert und voller Schmerz drang es an das Ohr jungen Mannes. Wer auch immer diese Laute von sich gab, er litt, das war unverkennbar.
Vorsichtig schlich Arne nun vorwärts, darauf bedacht, nicht von einer Kugel getroffen zu werden, bevor er wusste, wer da vor ihm lag. Auch wenn er selbst nicht mehr schießen wollte, so wollte der Deutsche doch nicht einfach sinnlos sterben. So dauerte es eine Ewigkeit, bis er durch die Flocken etwas erkennen konnte.
Erschrocken keuchte Arne auf, denn vor ihm, an einem Baum, lehnte ein junger Mann. Der Kleidung nach war es ein russischer Soldat. Es war der Feind, gegen den Arne nie einen Groll hegte, der ihm nie ein Leid zufügte. Aus diesem Grund überlegte er einen Augenblick.
Sicher war auch der junge Bursche ein Bruder, hatte Familie, die auf seine sichere Rückkehr wartete. Arne erkannte mit zusammengekniffenen Augen, dass es noch ein Junge war, kaum mit Flaum im Gesicht und sicher einige Jahre jünger als Arne selbst. Sein Kopf lehnte mit schmerzverzerrten Zügen an dem Stamm hinter ihm und er schien in der Kälte erbärmlich zu zittern.
Behutsam und langsam trat der Blonde näher. Nur war er wohl lauter, als er selbst vermutete. Als es knackte, hob der junge Russe erschrocken seinen Kopf, packte seine Waffe, legte sie an und starrte auf Arne, der gerade durchs Unterholz brach.
Zwar hatte der Bursche sein Gewehr nun im Anschlag, doch so sehr, wie es zitterte, würde er eher einen Baum oder Hasen erschießen, sollte es noch einer nicht vorgezogen haben, zu fliehen. Entsprechend langsam, mit erhobenen Händen, aber bestimmt trat Arne weiter auf ihn zu.
Der Russe schien den Ernst seiner Lage zu erkennen, denn er senkte seine Waffe, fiel ein wenig in sich zusammen und zitterte nun noch mehr als vorher. Arne betrachtete ihn einen Moment, bis ihm auffiel, dass sich der Schnee um das rechte Bein des Jungen rot färbte. Er ging noch immer vorsichtig in die Knie, nahm das M1891 außer Reichweite und betrachtete sich dann den Schaden.
Nun kam wieder Leben in den russischen Soldat, der verzweifelt versuchte, sein Bein aus Arnes Griff zu befreien, dabei wütend zischte und schließlich seine Gegenwehr schnell aufgab. Aus dem Augenwinkel betrachtete er argwöhnisch, was der Deutsche da mit ihm tat. Dieser zog so vorsichtig, wie es ging, den Stiefel aus und wäre fast in Ohnmacht gefallen.
Das Bein sah übel mitgenommen aus. In Fetzen hing das Fleisch herab und es blutete nun noch mehr. Kurzentschlossen zückte Arne eines seiner Halstücher und wollte es notdürftig darum binden.
Doch sobald der andere dies sah, wurde sein Blick wieder panisch. Er strampelte und wand sich, während Arne das Bein festhielt, auf das viele Blut starrte und ein paar der wenigen Worte herausbrachte, die er auf Russisch kannte.
„Pomoshch. Ich will dir helfen. Pozhaluysta! Bitte!“
Schon wieder beugte er sich über das Bein, während der andere es nun notgedrungen über sich ergehen ließ, die Zähne zusammenbiss und versuchte, nicht zu schreien, als Arne den Unterschenkel notdürftig verband.
Nach wenigen Augenblicken hatte er alles getan, was ihm ohne seine Kameraden möglich war. Wie sollte es nun weitergehen? Konnte er den Jungen hier liegen lassen und somit dem sicheren Tod übergeben? Dann konnte er ihn auch gleich erschießen!
Kurzentschlossen stand Arne wieder auf, packte den Russen unter den Achseln und hievte ihn hoch. Ungläubig starrte der ihn einen Moment an, ehe er begriff und seinen Arm um Arnes Schulter legte, damit dieser ihn stützen konnte.
„Arne“, sprach er in diesem Augenblick aus und zeigte mit dem Daumen auf sich.
„Jurij“, erklärte der Russe leise und der Weg in das deutsche Lager konnte beginnen.
Humpelnd, hüpfend und sehr langsam kamen sie voran und schon nach wenigen Metern bekam Arne Bedenken. Was würden seine Kameraden dazu sagen, dass er einen jungen Soldat aus den feindlichen Truppen neben sich her schleppte? Sicher waren sie nicht begeistert. Viel mehr bestand die Gefahr, dass einer von ihnen sofort seine Waffe zog und Jurij eine Kugel in dem Kopf jagte, ehe Arne auch nur ein Wort der Erklärung abgegeben hatte.
Der junge Russe schien die Nervosität zu bemerken, denn je weiter sie stolperten, umso weniger wollte er. Als die ersten Geräusche des Lagers zu hören waren, versteifte er sich ganz, schüttelte seinen Kopf hektisch und wollte um keinen Preis der Welt weiter, wie Arne aus Jurijs Körperhaltung herauslas.
Dem deutschen Soldat blieb keine andere Wahl, als den Jüngeren wieder in den Schnee zu setzen und an einen Baumstamm zu lehnen, damit er wenigstens sein Bein ein wenig entlasten konnte.
Fieberhaft überlegte er, wen er um Hilfe bitten konnte. Wer vielleicht nicht erst schoss und dann Fragen stellte. Als er sich seinem Lager zuwenden wollte, begegnete ihm noch einmal Jurijs panischer Blick, der Arne das Herz abschnürte.
Wie grausam musste man sein, wenn man auf jemanden schießen konnte, der noch ein halbes Kind war – nicht dass Arne wesentlich älter gewesen wäre, doch darüber wollte er in diesem Moment lieber nicht nachdenken. Stattdessen hockte er sich vor Jurij hin, legte ihm die eigene Jacke gegen die Kälte um die Schultern und gab mit Händen und Füßen bekannt, wie sein Plan aussah.
„Ostan ’sya. Bleib hier. Ich werde Hilfe holen.“
Auch, wenn er wusste, dass Jurij ihn sicher nicht verstand, war Arne nicht in der Lage, ihn einfach wie einen nassen Sack fallen zu lassen und davonzugehen. Er richtete mehr Worte an ihn, als ein anderer es wohl getan hätte. Dann war er auf und davon.
Der Erste, der Arne entgegenkam, war Michael, ein Mann Ende dreißig aus Südbayern. Wie der Jüngere wusste, war Michael lange Zeit Lehrer an einer privaten Schule, bis er einberufen wurde. Zu Arnes großem Glück hatte der Ältere unter anderem auch Russisch unterrichtet.
Aus früheren Gesprächen wusste er, dass der Bayer ähnlich zu diesem Krieg eingestellt schien wie Arne. Sofort zog er den Schwarzhaarigen zur Seite und erklärte ihm, was geschehen war. Nickend ging Michael davon, während Arne am Rand des Lagers stehen blieb und hoffte, der Bayer käme nicht mit ihrem Kommandant zurück, der ihn an den nächsten Baum stellen würde, um ihm eine Kugel zu verpassen.

Kurze Zeit später atmete Arne erleichtert auf, als er sah, dass Michael mit Theo, einem ihrer Sanitäter, an die vereinbarte Stelle lief. Der Sachse, er hatte Fritz aus Kindertagen gekannt, hielt verstohlen ein wenig Verbandsmaterial in seiner Jacke versteckt, während er mit Michael immer näher kam. Endlich standen sie alle zusammen, nickten sich kurz zu und verschwanden nacheinander aus dem Blick ihrer Waffenbrüder.
„Was ist nun?“, fragte Theo nach.
„Das wirst du gleich sehen. Bitte, ich konnte ihn nicht liegen lassen“, erklärte Arne.
„Wen?“, fragte Michael verwirrt nach.
„Ihn.“
Arne blieb stehen, als Jurij in Sichtweite kam. Sein Gesicht war fahl und sein Kopf hing zur Seite. Sofort beschleunigte Theo seinen Schritt, lief an dem Norddeutschen vorbei und kniete sich neben den Russen, der unter einer feinen Schneedecke lag. Michael kam zusammen mit Arne ebenfalls näher, als Jurij gerade aufschreckte.
Sein Kopf zuckte hoch, sobald Theo seine Finger an dessen Hals legte, um nachzusehen, ob er überhaupt noch lebte. Jurij sagte etwas, dass Arne nicht verstand und Theo zurückzucken ließ.
„Du hast einen Russen zu uns gebracht?“, zischte der Sanitäter.
„Nein, ich habe einen Verwundeten gefunden“, beharrte Arne.
„Kak tebya zovut? Wie heißt du, Junge?“, schaltete sich Michael dazwischen.
„Jurij Nikolajew“, antwortete der junge Bursche leise.
Während Arne begann, Theo zu helfen, sprach Michael weiter mit dem Jungen, bis er erläuterte, was Jurij ihm mitgeteilt hatte.
„Theo, du musst etwas tun. Der Junge ist erst siebzehn Jahre alt, noch ein halbes Kind! Wir können ihn nicht liegen lassen!“, bestimmte nun auch Michael.
Doch noch während er sprach, wurde er bleich. Arne sah ihn fragend an.
„Weißt du, wer sein Vater ist“, murmelte der Bayer erschrocken.
„Was? Wieso sollte ich? Frag halt nach…“, zuckte der Blondschopf seine Schultern.
„Also schön. Kto tvoy otets?“
Während Theo das Bein fachmännisch mit dem wenigen Material verband, das er hatte mitnehmen können, zuckte Jurij zusammen. Er wand sich und wollte nicht antworten. Angst stand in seinem Blick und Michael musste lange mit ihm diskutieren, bevor der Junge zu seiner Antwort ansetzte.
„Nikita Nikolajew“, flüsterte er schließlich mit eingezogenem Kopf.
Wenn die Männer auch kaum etwas über Russland wussten, oder die Politik, so war ihnen dieser Name doch geläufig. Theo hielt in seiner Bewegung inne, Michael zog Arne zur Seite.
„Weißt du, wen du hier hergeschleppt hast?“, zischte er wütend.
„Bis gerade eben nicht!“, wehrte sich Arne.
„Wir müssen ihn wegbringen und ihm eine Kugel verpassen!“, wurde Michael nun panisch.
„Bist du von Sinnen? Auch wenn er der Sohn des Oberbefehlshabers über die russischen Truppen ist, ist er ein Junge, Michael, ein Junge, der noch nicht einmal volljährig ist! Herrgott, nochmal! Ich werde ihn sicher nicht umbringen!“
„Dann mache ich das für dich!“
Schon drehte sich der Bayer um, hob seine Waffe und zielte auf Jurij.
„Nein!“, schrie Arne und warf sich auf dessen Arm. „Er kann uns nützlich sein!“
„Wie meinst du das?“, fragte Michael misstrauisch.
„Pass auf…“, begann Arne nun.
Er heckte eine Idee aus, die sich saublöder kaum anhören konnte. Dennoch nickten sowohl Michael, als auch Theo, nachdem sie alles vernommen hatten. Der Wunsch nach Frieden war in ihnen zu groß, um es nicht zu riskieren.
Der Plan, den Arne zusammenspann, barg das eine oder andere Risiko, das war ihnen allen bewusst. Doch die Alternative war für ihn nicht tragbar. So bestimmte er schließlich, dass er für Jurij die Verantwortung tragen würde, denn er war es, der ihn fand.
Theo willigte schneller ein, als Michael, da es mit dem Gewissen des Sanitäters ebenfalls nicht vereinbar war, den jungen Mann zu töten. Nur der Bayer hatte mehr Angst, als seine Kameraden.
„Alles, was du zu tun hast, ist Jurij begreiflich zu machen, dass es notwendig ist, seine Uniform abzulegen. Er muss dafür deine Hose und meine Jacke anziehen. Wenn er den Mund hält, dann werden wir ihn schon in mein Zelt bekommen. Es ist nah am Rand, ein wenig abgeschieden. Ich wollte in Ruhe schlafen können.“
„Was ist, wenn er dir etwas tut?“, gab Michael zu bedenken.
„Was könnte das schon sein?“, lachte Arne. „Soll er mich im Schlaf erwürgen und dann durch das Lager schleichen, bis er einen Weg zu seinen Truppen findet? Das wird Jurij wohl kaum möglich sein.“
„Aber…“
„Kein ‚Aber‘ ! Erklär es an ihm endlich!“
„Schon gut! Aber wenn etwas schiefgeht, ist es dein Kopf, der rollt!“
Es dauerte ein wenig, bis Michael dem jungen Russen begreiflich gemacht hatte, was zu tun war. Jurij diskutierte mit ihm, zierte sich und wollte um keinen Preis seine Hose hergeben. Seine Blicke verrieten genau, was er glaubte, was die Drei mit ihm vorhaben mochten, doch schlussendlich ergab er sich in sein Schicksal und ließ sich von Theo und Arne aus der zerrissenen Hose helfen.
Als Arne einen Blick auf die Wunde warf, schluckte er hart und wand seinen Kopf, nur um Jurij nun genau in den Schritt zu starren, der äußerst beachtlich ausgestattet war, wie er unfreiwillig erkannte.
Ohne es zu wollen, leckte sich Arne über die Lippen und stieß die Luft ein wenig fester aus, sodass sie eben jenen Teil von Jurijs Anatomie streifte. Als er ertappt nach oben sah, traf ihn Jurijs neugieriger Blick. Mit heißen Wangen rappelte er sich auf und zog dabei die neue Uniformhose mit nach oben.
„Habt ihr es endlich?“, zischte es ungeduldig von der Seite.
„Ja, Michael. Warte einen Augenblick. Es ist nicht gerade einfach mit seinem Bein. Ich konnte es nicht so ordentlich schienen, wie ich es müsste.“
„Ja, ja. Ich will endlich heraus aus dem Schneefall! Sicher gibt es schon etwas Essbares. Wenn wir noch länger hierbleiben, dann fressen uns die anderen noch alles weg.“
„Es wird schon nicht so sein, dass du gleich vom Fleisch fällst“, lachte Theo kurz auf.
„Eben! Deine Frau hat dir doch sicher wieder einen guten Schinken geschickt. Ich hätte auch gern mal wieder was aus der Heimat.“
„Bäh! Deinen stinkigen Fisch? Nie im Leben würde ich den essen!“
„Musst du auch nicht, Theo. Vater hat sowieso kaum genug, um sich und Luise durchzubringen. Seit Mutters Tod ist es nicht einfach für ihn.“
„Wie alt ist sie jetzt?“, fragte Michael nach.
„Luise ist fünfzehn.“
„Also sechs Jahre jünger als du“, stellte Theo fest. „Das ist nicht leicht.“
„Hmmm. Genug jetzt davon! Michael, erklär ihm noch einmal, dass er auf jeden Fall den Mund zu halten hat, ganz egal, was geschieht. Dann kannst du gehen. Es wäre auch viel zu auffällig, wenn wir alle zu gleicher Zeit wieder auftauchen.“
„Wieso? Wir könnten doch eine Runde Skat gespielt haben.“
„Wirklich, Theo? Wir spielen Skat mit einem Kameraden, der eine Verätzung an den Stimmbändern hat? Er darf nicht reden. Wie soll er denn deiner Meinung nach reizen können?“
„Stimmt. Daran hatte ich nicht gedacht. Verzeih mir, Arne.“
„Schon gut. Aber jetzt konzentriert euch. Ich will auch endlich an einen wärmeren Ort!“