Santas Häschen

1. Gestresster Hase im Haus

„Wir müssen uns beeilen! Los, Alistair! Mach schon. Abfahrt war schon vor einer halben Stunde. Aber nein, der Herr …“, trieb Leif seinen Mann immer mehr zur Eile an.
Vollkommen von dessen Hektik genervt, ließ er seine Reisetasche fallen, zog Leifs Kinn heran und versiegelte seine Lippen mit einem energischen Kuss. Zielstrebig schob er seine Zunge in das hektische Keuchen seines Ehemannes und ihn dabei gleichzeitig an die Wand. Er hielt ihn dort fest, nahm eines der muskulösen Beine und hob es auf seine Hüfte, während Alistair nun selbst ungehalten in ihre Vereinigung stöhnte. Atemlos ließ er Leif zurück, als er nun seinen Mund nah an dessen Ohr brachte und verheißungsvoll hinein flüsterte.
Wenn du nicht sofort wieder runter kommst, dann werfe ich dich aufs Bett und ficke dich so hart durch, dass du danach nicht mehr laufen kannst. Dann kommen wir noch später hier weg!
Darling …“, schluckte Leif schwer.
„Paps? Dad?“
Schlagartig fuhren sie auseinander, bevor Julius um die Ecke bog und sie in dieser Position vorfinden konnte. Dennoch sah er ihnen an den Nasenspitzen an, was sie hier getrieben hatten. Es erinnerte sie daran, als er vor ein paar Wochen unangemeldet in ihr Schlafzimmer geplatzt war…. Seit diesem Tag ließen sie diese Tür nur noch selten unverschlossen.
„Habt ihr kein Zimmer?“, ließ Julius auch sofort verlauten.
„Werd nicht frech, Kleiner“, grinste Alistair seinen Adoptivsohn an und fuhr ihm dabei durch die Locken.
Dad! Meine Frisur!“, wich er entsetzt zurück.
„Schon gut. Ich vergaß. Der junge Herr legt Wert auf sein Äußeres. Kennen wir den Grund dafür? Hast du etwa schon eine Freundin?“, zwinkerte er vielsagend.
„Dad! Ich bin zwölf! Es gibt keine Freundin“, wich Julius aus, bevor er seine Väter ernst betrachtete. „Muss ich wirklich zu Tante Sorcha? Ich wollte viel lieber bei Onkel Keir bleiben!“, maulte er.
„Aber das haben wir doch besprochen. Sorcha nimmt dich heute mit, aber zu Ostern seid ihr doch sowieso alle zusammen. Wo ist denn da dein Problem?“, wollte Leif wissen. „Sei lieber froh, dass ich nicht Thoralf gebeten habe …“
„Der soll nicht kommen. Den will ich nicht sehen. Er ist so dämlich!“, beschwerte sich sein Spross mit eindeutigen Worten.
Ein wenig erschrocken sahen sich die beiden Männer an, bevor sie schmunzelten. Wo Julius Recht hatte …
„Darum …“, begann Leif und brach dann ab. „Wo bleibt deine Schwester eigentlich? Sie sollte auch schon vor einer halben Stunde hier sein“, starrte er auf die Uhr an seinem Handgelenk und wankte hibbelig vor und zurück. „Verdammt! Schon so spät!“, raffte er Alistairs Tasche hoch und rannte förmlich zu ihrem Wagen, um sie in den spärlichen Kofferraum zu werfen.
Als er zurück kam, hatte er seine Schwägerin im Schlepptau und schien ein wenig zufriedener zu sein. Schnell umarmte er seinen Sohn, wünschte ihm eine schöne Zeit und gab Sorcha einen Kuss auf die Wange, bevor er seinen Ehemann mit sich zog, den Motor aufheulen ließ und die kurze Auffahrt zu ihrem Einfamilienhaus hinab raste.
„Noch ein wenig schneller und wir durchbrechen die Schallmauer“, gab Alistair trocken von sich.
„Wir müssen aber den LKW einholen! Die Zeit, die ich jetzt verloren habe, muss ich an anderer Stelle wieder herausholen. … Sieh mich nicht so an“, meinte er, als er aus dem Augenwinkel sah, dass Alistair sich zu ihm herumdrehte. „Es geht auch um Prestige für dein Unternehmen!“
Unser Unternehmen, mein Hase“, lächelte Alistair zuckersüß. „Du bist auch seit zwei Jahren Teilhaber. Vergiss das nicht.“
„Weil du mich dazu genötigt hast!“, maulte Leif. „Ich war glücklich, so einsam und fast vergessen in unserer Entwicklungsabteilung. Es hätte mich nicht gestört, wenn ich da einfach weiter meinen Ideen nachgegangen wäre, ohne daran denken zu müssen, dass meine Kollegen auch davon abhängig sind, dass ich den Laden nicht an die Wand fahre.“
„So, wie du es gerade mit unserem Wagen versuchst?“, schmunzelte Alistair dazwischen. „Augen auf die Straße, mein Hase. Bitte. …
Wenn jemand Falkolade an die Wand fährt, dann bin ich das. Vielleicht hätte ich mich doch nicht als zu einhundert Prozent geheilt einstufen lassen dürfen. Vater hat doch nur darauf gewartet, mir den Schuh endlich anziehen zu können“, sinnierte der Halbschotte ein wenig.
„Als ob du das anders gewollt hättest! Du hast doch bei jeder von Sorchas Entscheidungen mitgemischt, seit du wieder alleine laufen konntest. Nun beschwer dich nicht, dass deine Eltern ihre Enkel genießen.“

***

„… Bitte folgen Sie der Autobahn für 150km …“, drang eine Frauenstimme an ihre Ohren.
„Wann hast du das Navi eingeschaltet?“, fragte Leif.
„Schon, als du losgerast bist. Aber du hast kein Ohr dafür gehabt.“
„Weil ich so ungern auf Frauen höre.“
„Als ob ich da besser geeignet wäre!“, schnaubte Alistair. „Meine Richtungsanweisungen ignorierst du doch auch andauernd!“
„Ich liebe dich auch!“, säuselte Leif sarkastisch, als er endlich den Fuß vom Gas nahm und eine etwas angenehmere Reisegeschwindigkeit erreichte. „Hoffen wir mal, dass ich rechtzeitig ankomme.“
„Wir, Hase, wir. Ich bin deine moralische Stütze … und deine persönliche Geldbörse“, griente Alistair, bevor er kurz und sanft Leifs Knie drückte.
„Vor allem die Stütze … das ist mir wichtig. Ich hoffe, du erdest mich, wenn ich … zu arg werde“, meinte er, bevor Leif der Rest des Satzes klar wurde. „Geldbörse? Habe ich die etwa schon wieder vergessen?“, stöhnte er leise auf.
Die Bewegung konnte er nicht sehen, doch Alistair zog Leifs Portemonnaie aus seiner Hosentasche und winkte damit lachend vor dessen Nase herum.
„Hast du, mein Hase. Sie lag noch auf dem Tisch, als du hinausgestürmt bist. … Wie kann man nur so aufgeregt sein?“, schmunzelte er noch immer, als er sie wieder einsteckte. „Die verwahre ich besser noch eine Weile. Nicht, dass sie noch in der Schokolade endet und ich dich dann abschlecken muss…“, gurrte er nun.
Abschlecken?“, stieg Leif nur halbherzig darauf ein.
„Dein Gesicht auf dem Personalausweis.“
„Ja, ja … sicher. Tu, was du nicht lassen kannst“, winkte Leif ab und sah nervös auf die Uhr.
„Ich seh schon, hier komme ich gerade nicht weiter“, machte es sich der Halbschotte nun auf seinem Sitz bequem und drehte das Radio auf.

***

„Ich bin so verdammt nervös!“, gab Leif etwa zwei Stunden später zu, als er unruhig auf dem Beifahrersitz hin und her rutschte. „Kannst du nicht schneller fahren?“, maulte er weiter. „Warum hast du mich denn nicht weiterfahren lassen?“
„Nachdem du fast auf dem Auto vor uns geklebt hast, war mir das sicherer“, belehrte ihn Alistair schulterzuckend. „Ich wollte nämlich gern ankommen … und zwar in einem Stück, statt in Teilen. Da kam es mir ganz gelegen, dass du vergessen hattest, zu tanken.“
„Oh, jetzt sei nicht so! Als ob ich wirklich so dicht aufgefahren wäre….“
„Ich habe jeden Haarwirbel an Joshuas Hinterkopf zählen können, obwohl er vorn, neben Babsi, sitzt. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die Lichthupe ausreichend gewesen wäre. Du musstest nicht auch noch wie ein Irrer winken und hupen, dass ich dachte, ich werde taub.“
„Aber …“, wollte Leif einwerfen.
„Du hast Babsi ganz schön erschreckt. Das hat sie mir gesagt, als wir an der Tankstelle waren. Hör mal, ich kann dich ja auch verstehen, aber ich wollte keinen Unfall riskieren, weil du in Berlin vielleicht eine rote Ampel überfährst.“
Du bist so gut zu mir“, meinte Leif genervt.
„Sag das nochmal und ich beweise es dir, sobald wir das Zimmer haben.“
„Das geht nicht! Ich habe tausend Sachen zu erledigen! Ich muss die Schokolade überprüfen, die Küchengeräte aufbauen, mir die Küche überhaupt erst einmal ansehen, ob sie mir genügt. Dann muss ich die Anderen kennenlernen, die Jury begrüßen, das Thema erfahren, mir einen Plan überlegen …“, ratterte Leif herunter und zählte dabei alles an seinen Fingern ab.
„… und Luft holen und aussteigen“, lächelte Alistair tapfer über dieses Sammelsurium. „Wir sind nämlich da.“
Bevor Alistair den Wagen richtig gestoppt hatte, riss Leif schon seine Tür auf, warf dabei fast den Koffer eines anderen Gastes um und war auf dem Weg, um Joshua abzufangen, der sich aus Babsis Kleinwagen schälte.
„Wir müssen sofort nachsehen, ob die Lebensmittel noch in Ordnung sind“, hörte Alistair seinen Gatten gerade so noch, als er endlich selbst aus dem Wagen war und zu ihm stoßen wollte.
Doch da hatte er seinen armen Arbeitskollegen schon am Ärmel mit sich gezogen.
„Wie hältst du dieses Nervenbündel nur aus, Chef?“, fragte Babsi kopfschüttelnd, als sie neben dem Rothaarigen zum Stehen kam und ihre Locken aufschüttelte.
„Ach, weißt du“, zuckte er ein wenig mit den Schultern, „mein Hase ist nicht immer so und ich kann ihn verstehen. Immerhin fährt man nicht jeden Tag zum Endausscheid der besten Chocolatiers Europas, um dort zu versuchen, den Titel nach Hintertupfingen zu holen, um der Firma damit gleichzeitig den internationalen Markt zu eröffnen“, griente er, bevor Alistair sich weiter zu ihr beugte und leise flüsterte. „Außerdem hat er mein Leben gerettet, wofür ich ihm immer dankbar sein werde, und es hilft, dass wir regelmäßig Sex haben. Das verbindet uns ungemein…“
„Bitte kein Wort mehr! Da werde ich nur neidisch“, warf Babette ein, drehte sich mit rotem Kopf um und versuchte, den Kofferraum ihres Wagens zu öffnen.
„Benötigst du Hilfe?“, fragte Alistair, doch sie winkte ab.
„Es geht schon. Danke. Ich frage mich nur immer noch, warum ausgerechnet ich mitkommen sollte. Joshua ja, er hat eine fast so feine Zunge wie dein Mann, aber ich?“, sinnierte sie, während sie einen Koffer abstellte.
„Du hast bei den vergangenen Wettbewerben stets einen kühlen Kopf behalten. Mein Liebster weiß das zu schätzen. Ich bin auch nur an seiner Seite, damit er nicht wie ein kopfloses Huhn durch die Gegend rennt und alle anderen mit aufscheucht“, lachte der Halbschotte und nahm das Gepäck seines Gatten, um es endlich in das edle Hotel zu tragen.